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Bewertung

Die Bewertung von Prüfungsleistungen ist eine der Kernaufgaben der Prüfungsausschüsse. Dabei ist jede Prüfungsleistung von jedem Mitglied des Ausschusses selbstständig zu bewerten. Die Beschlüsse über die Bewertung einzelner Prüfungsleistungen sowie der Prüfung insgesamt werden vom gesamten Prüfungsausschuss gefasst. Bei der gemeinsamen Feststellung der Ergebnisse dienen die Einzelbewertungen der Prüfungsausschussmitglieder als Grundlage (§ 25 Abs. 1 MPO).
 
Für die Bewertung einzelner, nicht mündlich zu erbringender Prüfungsleistungen ist es aus Gründen der Arbeitserleichterung möglich, die Beschlussfassung des Prüfungsausschusses durch die Beauftragung von Prüfungsausschussmitgliedern oder Gutachtern vorbereiten zu lassen (Delegation/Beauftragung). Die Prüfungsausschussmitglieder sind bei ihrer Entscheidung nicht an die Bewertungsvorschläge der beauftragten Mitglieder oder Gutachter gebunden. Diese haben den Charakter einer Hilfestellung und sollen einer schnelleren Entscheidungsfindung dienen.
 
Grundsätzlich sollte der Prüfungsausschuss vor der Prüfung die Bewertungskriterien für die einzelnen Aufgaben festlegen. Diese sind ausschlaggebend für die Bewertung der Prüfungsleistungen des jeweiligen Prüflings. In diesem Zusammenhang sollten auch die Gütekriterien für die Durchführung von Prüfungen beachtet werden. So soll die Leistung des Prüflings objektiv beurteilt und Beurteilungsfehler vermieden werden.
 
Bei allen Entscheidungen über die Bewertung sollte verantwortungsvoll mit den zur Verfügung stehenden Ermessensspielräumen umgegangen werden. In diesem Rahmen sollten sich die Prüfer/innen auch immer der möglichen Bedeutung ihrer Entscheidung für den weiteren Lebensweg des Prüflings bewusst sein.

 

Bewertungsschlüssel

Nach dem in § 24 der Musterprüfungsordnungen festgelegten Bewertungsschlüssel sind Prüfungsleistungen wie folgt zu bewerten:
 

  • Eine den Anforderungen in besonderem Maße entsprechende Leistung = 100 - 92 Punkte = Note 1 = sehr gut
  • eine den Anforderungen voll entsprechende Leistung = unter 92 - 81 Punkte = Note 2 = gut
  • eine den Anforderungen im allgemeinen entsprechende Leistung = unter 81 - 67 Punkte = Note 3 = befriedigend
  • eine Leistung, die zwar Mängel aufweist, aber im ganzen den Anforderungen noch entspricht = unter 67 - 50 Punkte = Note 4 = ausreichend
  • eine Leistung, die den Anforderungen nicht entspricht, jedoch erkennen lässt, dass gewisse Grundkenntnisse noch vorhanden sind = unter 50 - 30 Punkte = Note 5 = mangelhaft
  • eine Leistung, die den Anforderungen nicht entspricht und bei der selbst Grundkenntnisse fehlen = unter 30 - 0 Punkte = Note 6 = ungenügend.
     

Der 100-Punkte-Schlüssel ist der Bewertung aller Prüfungsleistungen sowie der Ermittlung von Zwischen- und Gesamtergebnissen zugrunde zu legen.

 

Beurteilungsfehler/Beurteilungstendenzen (1)

Beurteilungsfehler sind Fehler, die bei der Auswertung und Beurteilung von Prüfungsleistungen auftreten und wesentlich durch Leistungsgrenzen (etwa Ermüdung, Aufmerksamkeitsschwankungen) oder persönliche Eigenschaften (etwa Werte, Erwartungen) des Prüfers bedingt sind. Sie führen in der Regel zu verzerrten Prüfungsresultaten.
 
Deswegen sollten Prüfer/innen diese typischen Fehler kennen, um sie nach Möglichkeit vermeiden zu können.

 

Häufig auftretende Beurteilungsfehler bzw. Beurteilungstendenzen sind:

  • Hof-Effekt (halo effect)
    Der Prüfer schließt aus dem Vorhandensein einer Eigenschaft oder Fähigkeit auf das gleichzeitige Vorhandensein anderer Eigenschaften oder Fähigkeiten, ohne diese jedoch explizit festzustellen.
     
  • Positionseffekt
    Der erste (letzte) Eindruck bzw. die erste (letzte) Information prägt das Urteil. Alle anderen Informationen werden an das gefaßte Urteil angepaßt.
     
  • Reihenfolgeneffekt
    Dieser Effekt tritt besonders oft bei mündlichen Prüfungen auf. Die Leistung eines Prüfungskandidaten wird dabei nicht an den festgelegten Anforderungen, sondern an der Leistung des vorangegangenen Prüflings gemessen.
     
  • Milde-Effekt
    Erwünschte Eigenschaften, Fähigkeiten oder richtige Antworten werden hoch gewichtet, unerwünschte Eigenschaften, Fehler oder Lücken hingegen vernachlässigt. Der umgekehrte Fall ist beim Strenge-Effekt gegeben.
     
  • Zentrale Tendenz
    Die Bewertungen konzentrieren sich auf den mittleren Bereich (etwa um die Note 3), die extremen Bereiche (etwa die Noten 1 und 6) werden vermieden.
     
  • Kontrastfehler
    Er liegt vor, wenn der Prüfer Fähigkeiten, Eigenschaften etc. des Prüflings, die er selber nicht hat, besonders positiv oder negativ beurteilt.
     
  • Ähnlichkeitseffekt
    Der Prüfer bewertet solche Fähigkeiten, Eigenschaften etc. des Prüflings besonders positiv (selten negativ), über die er auch selber verfügt.
     
  • Darüber hinaus können Vorinformationen über den Prüfungsteilnehmer zu bestimmten Erwartungen bei den Prüfern führen und die Leistungsbeurteilung lenken (self-fullfilling prophecy).

Die Häufigkeit und die Intensität von Beurteilungsfehlern können durch verbindliche Beurteilungsrichtlinien vermindert werden.

(1 Der Text zu den Beurteilungstendenzen ist größtenteils der BIBB-Publikation „Prüfungsmethoden und Aufgabenarten“ von Margit Ebbinghaus und Jens U. Schmidt aus dem Jahr 1999 entnommen.)