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Prüferportal

Die mündliche Prüfung von Erwachsenen

Mündliche Prüfung von Erwachsenen
© Robert Kneschke - fotolia.com

Mit der mündlichen Prüfung von Erwachsenen gehen einige Besonderheiten einher. Worauf es ankommt und was man beachten sollte, berichtet der erfahrene Prüfer Dieter K. Reibold in seinem Beitrag.

Rahmenbedingungen

Im Gegensatz zu den Abschlussprüfungen nach der Erstausbildung gelten für die mündlichen Prüfungen der Erwachsenen unter anderem folgende veränderte Voraussetzungen/Rahmenbedingungen.

  • Die Prüfungsteilnehmer sind in der Regel wesentlich älter als die meisten Azubis, gelegentlich sind sie sogar älter als mancher Prüfer, was für einige  junge Prüfer erst einmal gewöhnungsbedürftig ist.
  • Die Prüfungskandidaten haben sich meistens bereits über mehrere Jahre hinweg in der Berufspraxis bewährt und sind nun dabei, ihre Aufstiegsfortbildung durch eine IHK-Prüfung abzuschließen.Das Anspruchniveau der Prüfungen von Erwachsenen ist wesentlich höher als bei Prüfungen der Erstausbildung, abhängig von der jeweiligen Weiterbildungsebene.
     
    Beispiele:
  1. Ebene: Fachberater, Fremdsprachenkorrespondent/in.
  2. Ebene: Geprüfte Fachwirte, Fachkaufleute, Industriemeister, Operative IT-  Professionals
  3. Ebene: Geprüfte Betriebswirte, Technische Betriebswirte, Strategische IT-Professionals.


  • Auf den Prüfungsteilnehmern lastet oft ein enormer Erfolgsdruck, besonders dann, wenn beispielsweise der Arbeitgeber seinen Mitarbeiter für eine  Aufstiegsfortbildung freigestellt und die Kursgebühren dafür übernommen hat.
  • Die Prüfungskandidaten haben oft gleichzeitig zur Prüfungsvorbereitung familiäre und berufliche Verpflichtungen.
  • Gelegentlich treffen wir auch auf Prüfungskandidaten, die selbst als IHK-Prüfer in Abschlussprüfungen nach der Erstausbildung mitwirken.

Daraus leiten sich  eine Reihe von Empfehlungen ab, die für die mündlichen Prüfungen Erwachsener – aber nicht nur dieser – von großer Wichtigkeit sind.

1. Empfehlung

Die allermeisten Prüfer/-innen kennen aus vergangenen Prüfungen die „klassische Sitzordnung“ in einem Prüfungsraum. Hinter einer schnurgeraden Reihe von wuchtigen Tischen sitzen drei oder fünf ernst dreinblickende Prüfer/-innen, in deren Mitte die oder der Vorsitzende sitzt. In einigen Metern Abstand steht ein kleiner „Katzentisch“ samt Stuhl - der Platz für den Prüfling. Hat man erst am „Katzentisch“ Platz genommen und blickt auf die geschlossene Reihe der Prüfer/-innen, überkommt einen leicht das Gefühl, man befinde sich als Angeklagter vor Gericht. Die psychologische Wirkung auf den Prüfling kann fatal sein.

Abhilfe schafft hier in Sekunden die „Bananenform“. Dazu wird die Tischreihe der Prüfer/-innen leicht  „geknickt“, indem jeweils die beiden äußeren Tische ein wenig in Richtung Prüfungskandidat/-in abgewinkelt werden. Damit erhält die Tischreihe der Prüfer/-innen jetzt insgesamt die Form einer leicht gekrümmten Banane. Das menschliche Gehirn hat bekanntlich die Fähigkeit, angefangene Linien fortzusetzen und zu einem Ganzen zu vervollständigen. Das führt dazu, dass die angeknickten Tische als „Kreis“ empfunden werden können und das Gefühl entstehen kann, man sitze gemeinsam an einem „runden Tisch“. Die konfliktabbauende Wirkung  „runder Tische“ ist hinlänglich bekannt.

Aber auch wir Prüfer/-innen profitieren von der „Bananenform“. Jetzt ist es nämlich möglich, dass beispielsweise während des  Fachgespräches jeder Prüfer und jede Prüferin mit allen Kollegen/-innen ungehindert Blickkontakt aufnehmen und sich so nonverbal verständigen kann, da die/der in der Mitte sitzende Vorsitzende den Blick jetzt nicht  mehr wie bisher „versperrt“.

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2. Empfehlung

Um ein erwachsenengerechtes, zielorientiertes und angstfreies Prüfungsgespräch zu erreichen, gibt es eine Reihe empfehlenswerter verbaler Reaktionen und eine ganze Menge sprachlicher Reaktionen, die nicht zu empfehlen sind.

Empfehlenswert ist dabei:

  • KKP anwenden - kurz, klar, präzise fragen.
  • Ruhige Sprechweise verwenden.
  • Antworten richtig quittieren, beispielsweise sehr gute Antworten mit „danke, prima“.
  • Unaufgeregt sprechen, jede Hast vermeiden, auch wenn die Zeit gemäß Prüfungsplan drängt.

Nicht empfehlenswert ist dabei:

  • Langatmige Erläuterungen vor einer konkreten Frage.
  • Lückentextfragen - sie gehören notfalls in den schriftlichen Prüfungsteil.
  • Killerphrasen wie: “Jetzt stelle ich Ihnen eine ganz leichte Frage“.
  • Antworten in der „Notensprache“ quittieren, „sehr gut“, „gut“ etc. Der Kandidat könnte daraus falsche Schlüsse hinsichtlich seiner späteren mündlichen Note ziehen.

„Die Körpersprache ist unsere Primärsprache“, sagt Samy Molcho, Pantomime und Professor am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Durch unsere nonverbalen Reaktionen kommunizieren  wir ununterbrochen mit dem Prüfungskandidaten.

Empfehlenswert ist dabei:

  • Stets offene, zugewandte Körperhaltung zeigen - auch während die Kollegen fragen.
  • Angemessene Gestik und Mimik, freundlicher Blickkontakt.
  • Aktives Zuhören praktizieren.
  • Antworten richtig quittieren, beispielsweise bei sehr guten Antworten mit dem Kopf zustimmend nicken und die Prüfungsteilnehmer/-innen freundlich ansehen.

Nicht empfehlenswert ist dabei:

  • Abgewandte Körperhaltung, „Pokerface“.
  • Übertriebene Gestik und Mimik , besonders bei falschen Antworten.
  • Desinteresse zeige, Beschäftigung mit anderen Dingen während die Kollegen fragen.
  • Die Wurstsemmel muss auch bei großem Hunger bis zu nächsten Beratungspause warten.
  • Handy, Terminkalender und Zeitung sind während der Prüfung absolut tabu.

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3. Empfehlung

Die Bewertung mündlich erbrachter Prüfungsleistungen ist oft viel schwieriger als die Bewertung schriftlicher Prüfungsteile. Damit die Bewertung - gerade bei den mündlichen Prüfungen Erwachsener – möglichst objektiv und vor Widersprüchen sicher erfolgen kann, sollte man hier als Hilfsmittel jeweils einen Bewertungsbogen nach dem „100 Punkte Schlüssel“ einsetzen, auf dem zu jedem einzelnen Bewertungskriterium die maximal erreichbare Punktzahl vorgegeben ist. Für die Bewertung der „Praktischen Demonstration“ bei der mündlichen Prüfung der Operativen IT-Professionals wird beispielsweise bei der IHK München ein Bewertungsbogen mit folgender Aufteilung verwendet:

Einstieg: Maximal sind hier 15 Punkte möglich. Diese können auf 3 verschiedene Kriterien verteilt werden.
Hauptteil: Maximal sind hier 50 Punkte möglich. Diese können auf 9 verschiedene Kriterien verteilt werden.
Abschluss: Maximal sind hier 15 Punkte möglich. Diese können auf 3 verschiedene Kriterien  verteilt werden. Ein Kriterium hierbei lautet beispielsweise „Kernaussagen  zusammengefasst.“ Hierfür gibt es maximal 5 Punkte
Medieneinsatz während der Demonstration: Maximal sind hier 10 Punkte möglich. Diese können auf 4 verschiedene Kriterien  verteilt werden.
Gesamtverhalten: Maximal sind hier 10 Punkte möglich. Diese können auf
4 verschiedene Kriterien verteilt werden.



Alle Prüfer/-innen füllen zunächst diesen Bogen für sich alleine aus. Da dieser Bewertungsbogen mit 22 Einzelkriterien sehr filigran gestaltet ist, lässt er den einzelnen Prüfer/-innen keinen allzu großen Bewertungsspielraum: Hat der Prüfling zum Beispiel am Ende seiner Praktischen Demonstration eine sehr gute/gute/ordentliche Zusammenfassung gebracht, gibt es 5, 4 oder 3 Punkte. Hat er hingegen seine Zusammenfassung nur  „angedeutet“, erhält er 1 oder 2 Punkte. Ohne jede Zusammenfassung erhält er 0 Punkte. Da die Punktergebnisse der einzelnen Prüfer/-innen dadurch erfahrungsgemäß sehr nahe beieinander liegen, erfolgt  anschließend die Einigung auf den endgültigen Punktwert im Konsensverfahren sehr schnell. Einsprüche gegen dieses Bewertungsverfahren von Seiten der Prüfungsteilnehmer/-innen hat es bisher noch nicht gegeben und diese sind auch in Zukunft nicht zu erwarten.

 

Dieter K. Reibold

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